Margit Zuckriegl / Das Post-Post-Projekt zu Manfred Grübls Post-Projekt / ISBN 9783903131309

Komplizenschaft bedingt das Wissen um eine ge- meinsame Aktion, den Glauben an das Gelingen eines kollektiven Vorhabens. Anders verhält es sich, wenn der auserkorene Komplize nichts von seiner Beteiligtheit und seiner Rolle in dem Projektablauf weiß. Manfred Grübls Mail-Art- Projekt Manfred ist eine solipsistische Re e- xion über die eigene Vergangenheit, sie ist der Versuch einer genealogischen Recherche, einer etymologischen Analyse und gleichzeitig eine demokratiepolitische Satire. Alle diese Mo- dule seiner umfangreichen, auf eine Publikation hin orientierten Arbeit sind ohne die wissent- liche, halbwissentliche und unwissentliche Komplizenschaft von zahlreichen ‚Mitarbeite- rInnen’ nicht denkbar und erreichen erst durch die veröffentlichten Protokolle der graduell unterschiedlich gelagerten Kooperationen (oder deren Unterbleiben) die anvisierte Komplexi- tät der Themen: Woher kommen Familien- und Ortsnamen, wie agieren Kommunikationssysteme mit Erkennbarkeiten und Zuordnungen von Namen und Bezeichnungen, welcher Mittel für Identi- tätsstiftung und Hierarchien bedienen sich na- tionale Staatsgebilde, welche Werte werden mit Gesten der Repräsentation transportiert? Grübl untersucht die Bedeutung von postalischen Wert- zeichen ebenso wie deren Bedeutung für eine eigene Sammler-Community, ihn interessieren Annahmen zur Herleitung von Familiennamen aus Flurnamen oder deren Verballhornungen, er ver- sucht of ziöse Porträts mit individueller Bio- graphie zur Deckung zu bringen – die Post und ihr Inventar sind gleichzeitig Gegenstand der Untersuchung, wie auch unfreiwillige Kompli- zInnen und nichts ahnende Statisterie in einer klandestinen Gesellschaftskomödie.

Die Post – Atavismus und Sentimentalität

Weniger Aufgaben denn je überantwortet die heu- tige Gesellschaft der Post, ihren Bediens- teten und Institutionen. Von mittelalterlichen Pferdestafetten zum neuzeitlichen Transportwe- sen inklusive Postkutsche hatte die Post staats- tragende Aufgaben und hohe wirtschaftliche Funktion. Abgesehen davon war mit dem Senden und Empfangen von Nachrichten immer auch eine geheimdienstliche Aktivität verknüpft, was in Krisen- und Kriegszeiten bis in die Gegen- wart heutiger diktatorischer Regime von enorm- er politischer Bedeutung ist. Dies wirkt sich auch auf die of ziöse Vorrangstellung der Post und ihres Personals aus. Hier sind auch Zensur und Überwachung angesiedelt: „1914 hatte jede Poststelle plötzlich ganz viele Aufgaben: Die mussten Personal haben, das alle Briefe liest, alle Pakete öffnet und das fähig sein musste zu entscheiden, was zu zensieren ist“, schildert die Historikerin Tamara Scheer1 in ihrer Studie über den Ersten Weltkrieg. In Zeiten von digi- taler Kommunikation und Internet muten solche Aufgaben atavistisch an und rühren an sentimen- tale Vorstellungen, sind doch Vorratsdaten- speicherung und Überwachung von Telekommunika- tion heute aktuell Gegenstand von Überlegung- en zu Abänderungen der Notstandsgesetzgebung. Nicht nur dieser Aufgaben wurde die Post ent- ledigt; private Dienste übernehmen das Zustell- wesen, die Postwertzeichen – die fast schon obsolete Briefmarke – gehören in den Bereich von RaritätensammlerInnen. Früher waren die Miniaturbildchen großen Persönlichkeiten aus Politik, Kunst und Wissenschaft vorbehalten und stellten eine besondere, eine of Ziele Art der Ehrung dar; heute kann jeder sein eigenes Konterfei als Briefmarke produzieren lassen – symptomatisch für die Demokratisierung des staatlichen Bildermonopols oder für die quasi-
of ziöse Unterfütterung persönlicher Eitelkeit? In Zeiten der abgeschafften Monopolisierung der Post, einer Post-Post-Ära, ist das früher der Staatspost vorbehaltene Hoheitszeichen für jedermann verfügbar.

Das Schweigen der Postler

Die andere Seite der Kommunikation ist gleich- sam deren Verweigerung. Damit, dass private und vertrauliche Mitteilungen den Postbediensteten überantwortet werden, geht einher, dass auf die Diskretion und Verschwiegenheit der Zustelle- rInnen vertraut werden kann, Eigenschaften mithin, denen auch der Schriftsteller Alois Brandstetter2 seine Aufmerksamkeit schenkte, indem er die BriefträgerInnen als „Brieföffner und Brie eser“ apostrophierte, sie wären gera- dezu „Nachrichtenagenturen“, die „die Geheim- nisse austragen, verbreiten und ausplaudern“. Die Verletzung des Briefgeheimnisses gehe hier- mit eindeutig zu Lasten der BriefträgerInnen3. Auf Post- oder Ansichtskarten übermittelte Nachrichten allerdings drängen sich geradezu auf, gelesen zu werden, auch wenn es der indi- viduellen Persönlichkeit des Absenders vorbe- halten bleibt, diese mehr oder weniger leser- lich zu gestalten; „Ein Postangestellter muss heute bereits Graphologe sein, er braucht unbedingt die Gabe der Schriftdeutung und Schriftauslegung“4, wird in Brandstetters Roman festgestellt, umso mehr, wenn es sich um ein Mail-Art-Projekt wie jenes von Manfred Grübl handelt: Mittels Plakaten und öffentlichem Aushang hatte Grübl die Aufforderung unter die Leute gebracht, mit ihm in einen postalischen Austausch zu treten; daraufhin gingen bei Manfred Grübl die unterschiedlichsten Mittei- lungen ein. Er hatte für seine angenommene Adresse ein ngiertes Sonderpostamt eröffnet: Manfred Grübl, Adresse: 4633 Grübl 10, ein Ort im Kreis Grieskirchen, OÖ. Das Schweigen der PostlerInnen garantierte den Erfolg der Aktion: die Post wurde verlässlich zugestellt, der Adressat konnte die versprochene Gegenleistung, eine Maximumpostkarte mit Grübls Konterfei als Postmarke auf der Vorderseite, den jeweiligen AbsenderInnen auf dem Postwege zukommen lassen.

Der unterbrochene Dialog

Korreliert nun der Ort Grübl mit der Person Grübl dadurch, dass Namensgleichheit konstatiert wird? Oder ist es nicht vielmehr so, dass die Postmarke mit dem Porträt des Postlers Grübl, aufgenommen in Grübl diese Identität erst konstruiert? Manfred Grübl ist gleichzeitig Einwohner von Grübl und Postler, er ist Adressat eines regen Postverkehrs und gleichzeitig Absender und Motiv seiner Bildpostkarte. Er verkörpert die Person seines Vaters, der vor 50 Jahren Postbeamter war und er ist selbst der heute 50-jährige Spurensucher und Interpret der eigenen Vergangenheit. In diesem Netz an Bezügen und Verweisen steht ein Aspekt im Vordergrund: Identitätsstiftung durch bildliche Information. Das Bild der Uniform ist die Information, die das Bild eines Menschen seiner beru ichen Funktion zuordnet. Das Ortsschild ist das symbolhaft generalisierte Bild einer Örtlichkeit, die Briefmarkenverweist mit bildlicher Information auf RepräsentantInnen des entsprechenden Staates oder auf andere identitätsstiftende Inhalte wie typische Bau- oder Kunstwerke, historische Begebenheiten oder Persönlichkeiten. Der Dialog ist der jeder postalischen Sendung zu Grunde liegende: Information wird hergestellt und im Gegenzug von den AdressatInnen „gelesen“. Staatsmänner/-frauen, Regierende, PräsidentInnen umgeben das eigene Antlitz für die Repräsentation als Briefmarkenmotiv mit dem gesamten Arsenal an nationalen identitätsstiftenden, allgemein lesbaren Ausrüstungsgegenständen: Flaggen, Symbolen, Landschaft, Amtssitz, Heiligtum – je nach Art der Herrschaftsform lassen sich Motive und Zuordnungen kombinieren. Das Bild der Mächtigen ist eine machtvolle Inszenierung von Identität. Diesem komplexen Bildkonstrukt kann sich ein Sammler wie Manfred Grübl nicht entziehen: er wendet sich mit Briefmarkentauschwünschen – konventionellen MarkenfetischistInnen nicht unähnlich – an fünf der umstrittensten Macht- politiker unserer Zeit. Sie sind Medienstars und Image-Ikonen. Sie stehen für machtbesessene Strategien und kompromisslose Befehlsgewalt, für Meinungsmonopolisierung, Menschenrechtsver- letzung, Gewalt und Willkür. Er wendet sich an Waldimir Putin, Baschar al-Assad, an Kim Jong-un und George Bush, sowie an Charles Taylor, den als Kriegsverbrecher verurteilten ehemaligen Präsidenten von Liberia. In seinem Brief an die Staatsoberhäupter, aktuelle und gewesene, regt der Künstler den Tausch der Briefmarke mit dem of ziellen Porträt des Staatsrepräsentanten als Gegengabe zu dem eigenen Grübl-Briefmarkenporträt an. Als Hintergrund für dieses Ansinnen wird seine angeblich auf Porträtmotive spezialisierte Briefmarkensammlung angeführt, sowie die Suche nach familiären Strukturen. Was in dem Kontext der banalen Briefmarken rührend komisch wirkt, ist eine drastische Geste der Kritik und Ver- achtung. Die effektvolle Selbstinszenierung als Staatenlenker und politische Visionäre wird ent- larvt als größenwahnsinnige Machtdemonstration von gewissenlosen Kriegstreibern; dies wird konterkariert durch das simple Bild eines Dorf- briefträgers – allein das Ansinnen gleicht dem Kampf Davids gegen Goliath.

Der angestrebte Dialog wurde nicht erwidert und der angeregte Bildnis-Tausch unterblieb. Was für alle Zeiten erhalten bleiben wird, ist das offizielle Porträt von Manfred Grübl in den je weiligen of ziellen staatlichen Archiven.

1 Tamara Scheer, in Der Standard, 28.12. 2015
2 Alois Brandstetter, geb. 1938 Pichl/Wels, österreichischer Schriftsteller und Philologe
6 Alois Brandstetter, Zu Lasten der Briefträger, Salzburg, 1974 4 siehe Anm. 3, S. 24

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