Motivische Sammlung

Paperback, 28 x 20, 64 Seiten s/w, Verlag KWI

Motivische Sammlung ist eine Weiterentwicklung des Mail-Art-Projekts Manfred von Manfred Grübl. Während Manfred weitgehend eine eher persönliche Reflexion und genealogische Recherche zur eigenen Vergangenheit und Herkunft ist, konzentriert sich die Motivische Sammlung auf eine Sammlung zahlreicher Dokumente, Zusendungen und Fotos von Interventionen, die rund um das Projekt entstanden und recherchiert wurden: u. a. eine Zusammenstellung von repräsentativen und identitätsstiftenden Motiven diktatorischer Regime und zeichnerischen Auseinandersetzungen mit den Konterfeis ihrer Repräsentanten. Aus der Auseinandersetzung mit der Rolle seines Vaters, einem Postbeamten in Tamsweg, tradierten Familienstrukturen und der Herleitung des Namens Grübl – ein Auszug des Heimatbuches der Gemeinde Pram findet sich z.B. in der Motivischen Sammlung – entwickelte Grübl eine Maximumkarte mit dem Motiv seines eigenen Portraits in der Uniform eines Postbeamten. Wie in vielen seiner Arbeiten greift auch hier die subversive Strategie des Künstlers, MitspielerInnen an der Entwicklung seines Projekts wissentlich oder unwissentlich zu involvieren. Gegen eine postalisch zugesandte Widmung erhalten die TeilnehmerInnen eine Maximumkarte im Austausch. Das Konzept des Sammelns wird hier reziprok, denn das was zurückkommt fließt ohne Umwege wieder in das Gesamtkonzept der Motivischen Sammlung ein. Heute haben digitale Kommunikation und das Internet die Aufgabe des Austauschs von Informationen weitgehend übernommen. Viele Sondermarken werden deshalb hauptsächlich zum Zweck des Sammelns produziert, oft als nach Motiven geordnete Serien – Vögel, Flugzeuge, Architekturen. Es gibt Sondermarken zu bestimmten Ereignissen, wie z.B. Olympiaden oder Fußballevents. Und nach wie vor sind diese Miniaturbilder bei Staatsoberhäuptern als Repäsentations- und Propagandamittel beliebt. In einem Brief fordert Grübl fünf der mächtigsten politischen Kriegstreiber und Diktatoren (Baschar Al-Assad, Kim Jong-un, Wladimir Putin, Charles Taylor und George Bush) unter einem Vorwand zu einem Austausch: deren offizielle staatstragenden Portraits auf Briefmarke gegen das eigene in der Uniform eines Postbeamten. Mit diesem scheinbar naiven „Magst nicht mit mir tauschen?“ bringt er sich auf Augenhöhe und entlarvt nicht ohne Augenzwinkern deren selbstbezogene Machtdemonstration und hohle Repräsentationsstrategien. Eine Antwort bekommt er freilich nicht, aber eine Reaktion, die sich an den Zugriffen auf seiner Website bei Google Analytics ablesen lässt. Dieses geheimdienstliche Ausforschen, auch eine Art der Kommunikation, stößt auf Resonanz. Manfred Grübl bestellt die Marken nun im Internet und beschäftigt sich mit den Insignien der Macht und denen, die sich damit umgeben, gräbt sich mit dem Zeichenstift in die Furchen ihrer Physiognomie. Sammeln und forschen, um den Konstruktionen von Macht auf die Schliche zu kommen. Die Projekte, Fragmente und Sammlungen rund um Manfred und Motivische Sammlung münden jeweils in eine – wie die hier vorliegende – Publikation. (Linda Klösel)

Brief an George W. Bush

Konzert von Jay-Z gemeinsam mit Linkin Park im Benjamin Franklin Parkway in Philadelphia am 2. Juli 2005. Organisiert von Sir Bob und der Band Aid Trust

Franklin Grübl Margen / VERLAG FÜR MODERNE KUNST

https://vfmk.org/de/shop/franklin-gruebl-marge

„Er fordert uns heraus, der erweiterte Kunstbegriff des Manfred Grübl. In seinem Anliegen, den Ausstellungsraum als sozialen, lebendigen Raum zu gestalten, durchbricht er die traditionellen Ordnungen des Betriebssystems Kunst und sorgt für kreative Verwirrung bei den üblichen ProtagonistInnen KuratorInnen, VeranstalterInnen und Kunstpublikum.“ (Petra Noll-Hammerstiel). Sein Intervenieren beziehungsweise das Unterlaufen der recht rigorosen Teilnahmebedingungen des Kunstbetriebs stehen im Zentrum und erfordern von den Involvierten Eigeninitiative, mitunter auch Komplizenschaft. „Franklin Grübl Marge“ führt Manfred Grübls Interventionen, Aktionen, Installationen und Objekte der letzten Jahre zusammen und dokumentiert seine Ausstellung „Für Saalfelden“, die 2017/18 im Kunsthaus Nexus zu sehen war. Für Saalfelden hat er nicht nur wie bisher für das Kunstpublikum künstlerisch gearbeitet, sondern mit den und für die Menschen vor Ort. Manfred Grübl wurde im März 2018 der Große Kunstpreis des Landes Salzburg verliehen.

Von Pfauen und Menschen

Von Pfauen und Menschen

Bei der Eröffnung der Biennale Venedig 2001 stolzierte ein seltsamer Besucher durch die Giardini und Arsenale, ja mischte sich sogar unter die illustren Gäste bei den abendlichen Empfängen in den altehrwürdigen Palazzi. Bei dem prächtig daherstolzierenden Spaziergänger handelte es sich um ein Mitglied der Spezies „Pavo Cristatus“ aus der Familie der „Phasianidae“, also der Fasane – gemeinhin Pfau genannt. Verantwortlich für diese skurrile Performance war der belgische Künstler Francis Alÿs, der den Pfau als eine Art Sinnbild für die Eitelkeit der Selbstdarsteller und Wichtigtuer an den Eröffnungstagen in der Lagunenstadt herummarschieren ließ. Was hier mit Witz daherkommt, hat also beträchtlichen Tiefgang – und das an der Lagune! ein Porträt der auch sonst sehr schrägen Performances des in Mexico City lebenden Belgiers lesen Sie ab Seite 66. EINE GEHÖRIGE PORTION HUMOR, manchmal auch nur eine Prise davon, und sei es eine bitter zynische, erleichtert den Zugang zu einem Kunstwerk, ja (ver-) führt in es hinein. der Spanier Santiago Sierra allerdings legt schon außerordentlich harte Bandagen an, wenn er etwa in eine jüdische Synagoge Autoabgase einleiten, den Spanischen Pavillon an der Biennale Venedig für Nichtspanier versperren und Arbeitslose für ein paar Dollar masturbieren lässt. Sierra ist der wohl derzeit umstrittenste, weil radikalste politische Künstler der Gegenwart, der vor drastischen Mitteln nicht zurückschreckt, um uns auf (gesellschafts-)politische Missstände hinzuweisen. Wie sehr seine Arbeit aber sehr wohl auf eine kunsthistorische Tradition zurückzuführen ist, zeigt sich im Gespräch mit dem Künstler (ab Seite 54). WIR KENNEN SIE ALLE, Sprichwörter wie: „Wer zuletzt lacht, lacht am besten“, „Wer lacht, lebt länger“ oder „Lachen ist gesund“. Bezeichnenderweise gibt es kaum Redewendungen über das Weinen und die Trauer. Vielleicht halten wir es einfach lieber mit der antiken Überlieferung von der thrakischen Magd, die Thales auslacht, als er beim Spazierengehen den Himmel beobachtet hat und darob in den Brunnen gefallen ist. Ja, sogar das simple (Spazieren-)Gehen ist ein beliebter Topos in der zeitgenössischen Kunst (siehe Beitrag ab Seite 80).

Alexander Pühringer, 1961-2014 Die untitled-Redaktion trauert um ihren Chefredakteur Alexander Pühringer. „Die Vorhaben, die mich plagen," umschrieb Alexander Pühringer seine unzähligen Pläne und Visionen liebevoll in einem seiner Art Diary-Einträge. Ein unendliches Arsenal an Ideen lagerte in seinem Kopf, Stoff für viele Jahre, mit Titeln und Themen, die einem das Kunstwasser im Mund zusammen laufen lassen: Funny Games, Buried Secrets, Water World, Family Affairs, Night on Earth oder Money Money, um nur einige der von ihm konzipierten Magazinausgaben zu nennen. Alexander Pühringer war ein begnadeter Schreiber und ein erbarmungsloser Kritiker. Als unermüdlicher Tatendränger stellte er sich den KünstlerInnen und Kunstwerken unserer Welt und diese seit den 1980er-Jahren in seinen Texten und Interviews den LeserInnen vor. Alexander Pühringer war ein ebenso beharrlicher wie visionärer Chefredakteur und ein ebenso leidenschaftlicher wie sensibler Mensch. „Dem Wahnsinn entfliehen. Sich nicht vereinnahmen lassen. Das ist meine Zukunft," schrieb er 2011 vor dem allsommerlichen Rückzug in sein Haus am Lago Trasimeno in sein Tagebuch. Ende Juni erlag Alexander Pühringer im Alter von fast 53 Jahren in seiner Wahlheimatstadt Berlin seinem Krebsleiden. untitled war ein hochstrebendes Magazin mit langer Geschichte - leider noch zu jung, um ohne Alexander Pühringers treibende Kraft weitergeführt zu werden. Mit Bedauern müssen wir unseren LeserInnen nun mitteilen, dass untitled künftig nicht mehr erscheinen wird. Die aktuelle und letzte Ausgabe, untitled 005, steht Ihnen unter unten angeführtem Link als pdf zum Download zur Verfügung. Wir bitten die AnzeigenkundInnen und AbonnentInnen um Verständnis. FS