PARALLEL / SALZBURG - OBERÖSTERREICH

"Schön" / "Sharpener"

"Schön" / "Sharpener"

Hinter dem Schönen verbirgt sich auch eine Art Ironie. Auch wenn man damit sehr oft das Überperfekte assoziiert, im Sinne einer kritischen Wahrnehmung geht das Schöne bzw. das Ästhetische weit über die rein physische Erscheinung hinaus. Jedes Objekt, jedes Bild und jeder Film hat eine gewisse Oberfläche, unter der noch etwas anderes liegen muss, um es oder ihn für mich interessant zu machen, d.h. Schönheit hängt auch immer vom Zugang der einzelnen BetrachterInnen ab. Nach Immanuel Kant entscheiden Art und Weise der Sinnlichkeit oder Sinnhaftigkeit über ästhetische Bewertungen, nicht einfach rein subjektive Kategorien wie „schön“ oder „hässlich“, die wegen bestimmter Eigenschaften dem Gegenstand beigelegt werden.

Der Scherenschleifer ist ein alter Beruf des fahrenden Volkes und bezeichnet das Schärfen stumpfer Messer, Scheren und anderer Schneidewerkzeuge. Die Scherenschleiferei scheint zwar ein aussterbendes Gewerbe zu sein, doch in unserer globalen Gesellschaft hat sie zukunftsweisende Aspekte, weil dem Großen das Kleine gegenübergestellt wird. Es sind keine großen Investitionen nötig, weil der Markt schon vorhanden ist, denn früher oder später wird jedes Messer und jede Schere unscharf. Interessant scheint mir die Auseinandersetzung mit den Kraftwerksgedanken der 1990er-Jahre in der Architektur. Das Fahrrad ist Fortbewegung, Arbeitsstätte, Maschine und Kraftwerk in Einem. Kommt es zu einem Auftrag sitzt man verkehrt herum auf dem Fahrrad und betreibt den Schleifbock. Man dreht sozusagen die für die Wegstrecke verbrauchte Energie zurück, so dass eine Umkehrung des Verbrauchens in ein Gewinnen von Energie entsteht. Durch den Ausgleich von Energie entsteht so eine Art Perpetuum Mobile. Diesem idealisierten System kommt man im Kleinen viel näher weil geringfügige Energien einfach vorhanden sind. Durch das Zusammenfassen unterschiedlicher Arbeitsschritte können Energien gebündelt werden und es entsteht etwas, das eigentlich nicht möglich ist.

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"Transition – Übergang" / Manfred Grübl at the Biennale Venice 2019

Die Giardini werden geentert – an einem unbekannten Ort – zu unbestimmter Zeit. Manfred Grübl ist bekannt für seine subversiven Interventionen. Nicht selten begibt er sich dabei in eine Grauzone gesetzlich erlaubter als auch im Kunstbetrieb akzeptierter Regeln, um die Macht- und Herrschaftsverhältnisse innerhalb sozialer Systeme auszuloten. Transition ist eine temporäre Brücke, bestehend aus Gondeln und einem Plankengang. Sie wird für kurze Zeit eingerichtet und verbindet das Biennale Gelände mit dem Rest von Venedig. Die Brücke erlaubt sowohl dem Künstler als auch anderen BesucherInnen einen irregulären Zugang zur Biennale und thematisiert die Mechanismen der Inklusion bzw. Exklusion zum System Kunst. Denn wer entscheidet schon wer unter welchen Bedingungen ausstellt und wer nach welchen Regeln am System partizipiert? Die Gondeln sind nicht nur Verkehrsmittel und Wahrzeichen von Venedig, sie bilden einen äußerst unstabilen Untergrund für alle, die den Gang über die Planken wagen, um später festen Boden unter den Füßen zu suchen. Eine Herausforderung, die auf den prekären Zwischenraum verweist, in dem sich all diejenigen befinden, die ohne die notwendigen Seilschaften und Netzwerke den entscheidenden Sprung nicht oder noch nicht geschafft haben. Manfred Grübl lockt die BesucherInnen, sich mit ihm für kurze Zeit auf den schwankenden Boden dieses Übergangs zu begeben – nicht ohne Augenzwinkern – denn auch sie sind entscheidender Teil eines Systems, dem die Kunst ihre Wahrnehmung verdankt. Raum wird hier als ein Ort begriffen, an dem Kunst stattfindet und auf den sie unmittelbar reagiert.

The Giardini are to be boarded – at an undisclosed place – at an undetermined time. Manfred Grübl is known for his subversive interventions. In these it is not rare for him to adjourn to a grey area of legally permissible rules also acceptable within the art world in order to fathom relationships of power and dominance inside social systems. Transition is a temporary bridge of gondolas with a plank causeway. It will exist for a brief time and connect the Biennale area with the rest of Venice. The bridge will afford the artist and other visitors irregular access to the Biennale and broach the mechanisms of inclusion and exclusion in systems art. For who decides then who exhibits and under which conditions, and who participates in the system according to which rules? The gondolas are not only a means of transport and an emblem of Venice, they form an extremely unstable foundation for everyone who ventures across the planks to seek solid ground under their feet later. A challenge leading to the precarious interspace in which all those find themselves who have not or not yet managed the decisive leap without the necessary coteries or networks. Manfred Grübl lures visitors to befall with him the rocking ground of this transition for a short time – not without a wink – for they are also a leading part of a system to which art owes its thanks for its percipience. Space will be grasped here as a place where art takes place and to where it imminently reacts.

"Transition – Übergang" at the Biennale Venice 2019

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